Wir haben es satt

Die „Wir haben es satt“-Demo am Samstag war wieder ein großartiges Erlebnis. Vielleicht lag es an dem für die hiesigen Verhältnisse milden Temperaturen, zwischendurch schien sogar mal die Sonne!, dass so viele Menschen gekommen waren: 33.000. Die Mischung aus Ökos, Punks, Graumäusen, Freaks, Hipstern, Alt-68ern, Familien, sehr alten und sehr jungen Leuten, Berlinern und Leuten, die extra aus anderen Bundesländern angereist kamen, war imponierend in ihrer Vielfalt.

160 Bäuerinnen und Bauern, zum Teil – trotz des Sturms – aus anderen Bundesländern, sogar aus Süddeutschland, führten mit 100 Traktoren die Demo an.

Schön auch die „Fanmeile“ mal nicht im schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer zu sehen, sondern voller Traktoren mit zum Teil sehr witziger „Dekorierung“: Auf einem Truck stand neben einer mit „Glyphosat“ beschrifteten roten Tonne eine Mülltonne, in die ein Herr Christian Schmidt (Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft) – als Pappschablone – gesteckt wurde.

Es gab eine metergroße Riesenbiene, die vor dem Insektensterben warnte, viele Menschen erschienen in Tierkostümen, und man konnte wie immer einige sehr witzige Plakate. Auf einem stand: „Stopp dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln! Überhaupt: was für ein Wort!“ Tatsächlich dachte ich nun zum ersten Mal über den euphemistischen Charakter dieses Worts nach.

Gefreut habe ich mich auch, Pamela Dorsch – Initiatorin und Organisatorin des Berliner Naschmarkts – zu treffen wie auch viele andere Leute.

Anders als in anderen Jahren habe ich diesmal keine rechtsextremen Gruppierungen entdeckt. Bei der Menge an Leuten kann ich diese natürlich auch übergesehen haben – oder sie haben sich, anders als in anderen Jahren, nicht als solche zu erkennen gegeben. Auf dem Aufruf zur Demo fand sich ein klares Bekenntnis gegen Rassismus („Nein zu Rassismus und Rechter Hetze“). Geflüchtete wurden willkommen geheißen und eingeladen. Vielleicht hat diese deutliche Botschaft Braune oder Blaue abgeschreckt?

Erwähnenswert auch das Bühnenprogramm, bei dem u.A. mehrere junge Bauern von ihren Problemen berichteten, zum Beispiel Land zu kaufen, da beim Verkauf stets derjenige, der das meiste Geld auf den Tisch legt, den Zuschlag erhält und nicht derjenige, der eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Landwirtschaft vertritt.

Hier noch ein paar Zahlen: In den letzten 100 Jahren sind 90 Prozent aller Kulturpflanzen in Europa ausgestorben.

Die Zahl der Vögel auf unseren landwirtschaftlichen Flächen hat sich in den letzten dreißig Jahren halbiert.

In den letzten 25 Jahren mussten zwei von drei Milchbetrieben aufgeben.

Jede Woche schließt in Deutschland eine Bäckerei oder eine Metzgerei. Das Lebensmittelhandwerk verschwindet zugunsten weniger „Großer“: Fünf Konzerne beherrschen nun 90 % des Lebensmitteleinzelhandels in Deutschland.

Deutschland exportiert 3,7 Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr – mehr als doppelt so viel wie im Jahr 2001. Nach wie vor überschwemmt Deutschland den afrikanischen Markt mit Hühnerfleisch und zerstört dort die kleinbäuerlichen Strukturen.

0,75 Quadratmeter gesteht man hierzulande einem 110 Kilogramm schweren Schwein zu (weniger als die Fläche einer Telefonzelle).

Auch wenn 33.000 Teilnehmer eine tolle Zahl ist, hätte man sich noch ein paar unterstützende Berliner mehr bei dem guten Wetter auf der Straße vorstellen können.

Mehr Infos hier:

https://www.wir-haben-es-satt.de